Die Welt küsst vielsprachig
In Frankreich wird zur Begrüßung „la bise“ praktiziert. Wie oft? Das hängt von der Region ab: Zwei, drei, manchmal vier Küsse – wer hier nicht synchronisiert ist, küsst schnell ins Leere. In Italien gehört „il bacio“ ebenfalls zum guten Ton, allerdings mit einer solchen Selbstverständlichkeit und Wärme, dass man sich kurz fragt, ob man gerade begrüßt oder in die Familie aufgenommen wurde. Und in Deutschland? Nun ja. Hier ist der Kuss eher eine Option als ein Standard. Man tastet sich heran, prüft die Lage – und entscheidet sich dann nicht selten doch für den Handschlag. Oder das Nicken, die eleganteste Form der kontaktlosen Kommunikation.
Spannend wird es, wenn man den Blick über Europa hinaus richtet. In vielen Kulturen ist der Kuss gar nicht primär auf die Lippen fokussiert. Im arabischen Raum etwa hat der Kuss auf die Stirn eine besondere Bedeutung – ein Zeichen von Respekt, Fürsorge oder Zuneigung, oft innerhalb der Familie. In Teilen Südostasiens wiederum ersetzt die sogenannte Nasenberührung den klassischen Kuss: eine ruhige, fast intime Geste, bei der Nähe ohne große Geste entsteht. Und auch bei den Māori in Neuseeland gibt es mit dem „Hongi“ ein Begrüßungsritual, bei dem sich Stirn und Nase berühren – ein Austausch von Atem, der symbolisch für das Teilen von Leben steht. Weniger Hollywood, mehr Bedeutung.
Der zeitlose Dauerbrenner
Historisch gesehen ist der Kuss übrigens alles andere als eine moderne Erfindung. Bereits vor über 3.500 Jahren taucht er in indischen Texten auf – und hat sich seitdem stabil gehalten. Während sich Sprachen aufspalten, verändern oder ganz verschwinden, bleibt der Kuss als Ausdrucksform bemerkenswert konstant. Vielleicht, weil er nie wirklich normiert wurde.
Und dann wäre da noch die technische Seite. Ein Kuss aktiviert Dutzende Gesichtsmuskeln, setzt eine ganze Kaskade neurochemischer Prozesse in Gang und transportiert dabei mehr Informationen, als man ihm auf den ersten Blick zutrauen würde. Ein ziemlich ausgeklügeltes System – dafür, dass es ganz ohne Worte auskommt.
Vielleicht ist das seine eigentliche Stärke: Während wir sonst formulieren, korrigieren und im Zweifel noch einmal nachschärfen, verlangt der Kuss etwas anderes – ein Gespür für Situation, Timing und Gegenüber.
Oder – weniger theoretisch: Man sollte ungefähr wissen, was man tut.
In diesem Sinne: happy Weltkusstag!
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