Nein? Macht nichts. Wahrscheinlich haben Sie ihn aber innerlich schon dreimal ein- und wieder ausgepackt. Sie wissen längst, welches Buch mitkommt, zu welchem Italiener Sie am ersten Urlaubstag gehen werden und dass Sie diesmal ganz bestimmt keine dienstlichen E-Mails lesen …
Vielleicht haben Sie es beim Lesen schon gespürt, dieses kribbelige Gefühl im Bauch, das den verheißungsvollen Namen Vorfreude trägt.
Es gibt Menschen, die behaupten, Vorfreude sei die schönste Freude. Das sind vermutlich dieselben, die schon beim Duft von Sonnencreme gute Laune bekommen, obwohl draußen noch Nieselregen fällt. Aber ganz Unrecht haben sie nicht. Denn manchmal ist die Vorstellung vom Urlaub beinahe so schön wie der Urlaub selbst. Man malt ihn sich aus, poliert ihn gedanklich und blendet Staus, Mücken und harte Hotelbettmatratzen großzügig aus. Die Fantasie arbeitet eben nicht mit der Deutschen Bahn.
Vielleicht ist genau deshalb Vorfreude eines jener Wörter, auf die wir Deutschen ein kleines bisschen stolz sein dürfen. Nicht weil andere Sprachen dieses Gefühl nicht kennen: Im Englischen heißt es joyful anticipation, im Italienischen gioia nell'attesa und unsere spanischen Freunde kennen die alegría anticipada. Das trifft die Sache durchaus. Aber während jenseits der deutschen Sprachgrenze dabei tief nach Luft geholt werden muss, steckt das Deutsche das ganze Gefühl in ein einziges Wort.
Die Anatomie der Vorfreude
Sprachlich ist das ebenso schlicht wie elegant. Vorfreude ist ein sogenanntes Kompositum – zusammengesetzt aus der Vorsilbe beziehungsweise dem Wortbestandteil vor und Freude. Das Vor beschreibt dabei keine Richtung, sondern einen Zeitpunkt.
Semantisch steckt darin ein kleiner Perspektivwechsel. Freude empfinden wir normalerweise über etwas, das bereits eingetreten ist. Vorfreude dagegen lebt ausschließlich von der Erwartung. Sie braucht weder Palmen noch Meerblick. Es genügt die Vorstellung davon.
Unser Gehirn spendiert uns Vorschusslorbeeren – quasi ein Verwandter der Vorfreude, aber dazu vielleicht ein anderes Mal mehr. Manchmal reicht also schon ein Blick in den Kalender und die Endorphine werden wach.
Vielleicht ist das das eigentliche Geheimnis der Vorfreude: Sie macht das Schöne ein bisschen länger. Der Urlaub beginnt nicht erst am Bahnhof, am Flughafen oder hinter dem Ortsschild. Er beginnt oft schon mit einem Gedanken.
Haben Sie Fragen rund um die Themen Sprache und Corporate Language oder benötigen Sie Unterstützung bei der Erarbeitung eines Styleguides?