Beginnen wir mit der sprachlichen Schicht: Altweibersommer, das ist ein Klassiker unter den deutschen Komposita, zusammengesetzt aus „alt“, „Weiber“ und „Sommer“. Und spätestens am Mittelteil bleiben viele hängen, rollen mit den Augen oder verziehen das Gesicht. „Weiber“ klingt in heutigen Ohren gern schräg, manchmal anzüglich, manchmal altbacken. Beschäftigt man sich ein bisschen länger damit, wird allerdings schnell klar, das ist bloß die Patina der Jahrhunderte. „Weib“ war früher ein neutrales Wort für Frau – weder schmückend noch abschätzig. Erst mit der Zeit bekam es den raueren Beiklang.
Bleibt die Frage, warum wird der Spätsommer nach älteren Damen benannt? Es gibt gleich zwei Deutungen – je nachdem, was man unter „Weiber“ versteht.
Haarpracht oder Handwerk?
Die erste Deutung packt das Wort beim Schopf – oder besser gesagt: beim Haar. Noch wärmt die Sonne zur Mittagszeit, die Luft ist klar und die Bäume blättern zaghaft durch ihre Farbpalette. Der Himmel spannt sich in weichem Blau darüber; allmählich werden die Tage kürzer, die Nächte länger. Die Natur bereitet sich darauf vor, loszulassen, doch zuvor feiert sie noch einmal ihre Fülle. In den frühen Morgenstunden schließlich, wenn feine, silberne Spinnfäden sich über Gräser, Hecken und Gartenzäune legen, offenbart sich das Bild, das dem Altweibersommer seinen Namen gab: Die zarten Fäden erinnern an das lange, helle Haar älterer Frauen.
Nach der zweiten Deutung hat das Wort „weib“ nichts mit Seniorinnen zu tun, sondern kommt vom alt- bzw. mittelhochdeutschen „weiben“ – was damals „weben“ oder „spinnen“ bedeutete. Der Begriff zielt direkt auf das Kunsthandwerk unserer heimischen Spinnen ab, die im Spätsommer ihre Netze bauen und ihre zarten Fäden durch die Lüfte schicken. Altweibersommer ist in dieser Lesart also „die Zeit der alten, gewebten Fäden“.
Goldener Nachklang weltweit
Auch andere Sprachen kennen den Altweibersommer: Die Amerikaner schwärmen vom „indian summer“, die Franzosen nennen ihn „l’été de la Saint-Martin“ und in Schweden spricht man vom „Brittsommar“. Die Japaner setzen mit 小春日和 (koharu-biyori) alles auf Anfang. Denn hier bedeutet der Begriff „kleiner Frühling“ oder „Wetter wie zum Frühlingsanfang“.
Ob Sie nun an schimmernde Haare denken oder an das zarte Knüpfen feiner Fäden im Morgentau – Altweibersommer bleibt vor allem eins: eine Einladung, den Sommer noch ein wenig festzuhalten, auch wenn die erste Socke im Schuh schon wartet.
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